Neue Jeetzel-Zeitung, 31.Oktober 1952
vermutlich von Klaus Giese

Eine Brücke für Euch:

Quickborn

im Kampf mit Naturgewalten

Der „Hungerstein" in der Elbe - Die Kirche als Festung - Man wollte keinen Bahnhof haben

Quickborn. Durch. den herrlichen Laubwald des Seybruches gelangt man von Dannenberg, nach Quickborn, das auf einer Bodenerhebung am Rande der Elbmarsch liegt. Von weitem grüßt die Benthesche Windmühle, ein Anblick, der Jeden Menschen erfreut. Auf diesem Mühlenberg stieß man im Jahre 1928 bei der Anlage eines Spargelfeldes auf Urnen. Sachkundige Ausgrabungen förderten eine Anzahl Urnen zutage, die aus der beginnenden Eisenzeit, etwa 600 v. Ch., stammten.

Quickborn bedeutet „Lebendiger Quell", und das' Vorhandensein gesunden Quellwassers mag schon in frühester Zeit Menschen veranlaßt haben, hier zu siedeln. Inmitten des alten Dorfteiles, der sich bis zur Wegekreuzung Groß‑Gusborn - Damnatz erstreckt, steht seit Jahrhunderten die Kirche. Man schätzt die Gründungszeit der Pfarrgemeinde nach dem ältesten vorhandenen Abendmahlskelch auf Mitte des 14. Jahrhunderts. Der Name der Kirche „St. Mariae Magdalenae" deutet wohl darauf hin, daß diese am Namenstag der Heiligen, also am 2. Juli, eingeweiht worden ist.

Kirchlich war die Parochi dem Bistum Verden zugeteilt und unterstand der Propstei Dannenberg. 1530 oder 1532 soll die Gemeinde zur lutherischen Lehre übergetreten sein. Damals, 1521 bis 1546, war Ernst der Bekenner welfischer Landesfürst. In der Chronik von Kirche und Schule findet sich manches, was erwähnenswert erscheint. So setzt uns das hohe Strafmaß in Erstaunen, mit dem damals selbst kleinere Vergehen gesühnt wurden. Pastor Gellerken, der das hiesige Pfarramt von 1672 bis 1708 versehen hat, berichtet von einem Diebstahl in seinem Hause. Es wurden 30 Taler sowie Kleider entwendet. Der Dieb wurde bald von der strafenden Gerechtigkeit ereilt und am 11. Februar 1676 vor Splietau gehängt.

Feuersbrünste und Wasserschäden

Im Laufe der Zeit haben die beiden Urelemente Feuer und Wasser der Gemeinde großen Schaden zugefügt. Immer wieder liest man in den Chroniken von hiesigen Bränden. So brach in der Nacht des 10. August 1729 ein heftiges Feuer aus, durch das innerhalb von zwei Stunden die Häuser von 19 Wirten, sowie viele Scheunen in Schutt und Asche gelegt wurden. Aber auch von Deichbrüchen und Ueberschwemmungen wird fortlaufend berichtet. Wenn auch das Dorf selbst vom Hochwasser kaum berührt wurde, so haben doch Aecker und Weideflächen durch Verschlammung und Versandung erheblichen Schaden genommen und die Wiederherstellungsarbeiten verursachten stets große Kosten.

Die größte Not hat Quickborn wohl in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges erlitten. Als die Schweden 1636 in dieser Gegend waren, verlangten sie vom Dannenberger Bezirk eine Kontribution. Aber die Kostenanteile der einzelnen Ortschaften konnten nicht ohne weiteres ermittelt werden, weil die meisten Dörfer nicht mehr vorhanden waren. Man mußte zuerst feststellen, wo überall noch Menschen lebten, die zur Zahlung herangezogen werden konnten. Es wurden daher eine gerichtliche Untersuchung vorgenommen, die aktenmäßig ergab: „Siemen gebrannt… Quickborn abgebrannt… Sipnitz abgebrennt… Wulfsahl abgebrannt und wüste… Zadrau wüste… Groß-Goseborn abgebrannt…“ Diese Orte gehören alle zum Kirchspiel Quickborn.

Wulfsahl wurde nicht wieder aufgebaut. Nur ein Hirtenhaus trägt heute noch diesen Namen, Im Jahre 1807 wurde die etwa 200 Hektar große Feldmark des ehemaligen Dorfes Wulfsahl durch 33 Bauern Quickborns, von dem Besitzer, einem Herrn v. Bülow, als Genossenschaft angekauft. Der Elbdeich trennt die eigentliche Weide vom Acker- und Dreschland. Jeder Teilhaber kann vier -Starken oder Kühe und vier Kälber dort weiden lassen, die von einem Hirten betreut werden. Die Anteile werden auch verpachtet. Zur Zeit gehören 20 Bauern zur Genossenschaft. In diesem Jahr' wurden mehr als 200 Starken auf die Weide getrieben.

Franzosen in der Kirche.

Am 24. August 1813 kam es zu einem schweren Gefecht. In der Zeit eines Waffenstillstandes zwischen Napoleon und den Verbündeten wurde auch die Kirche in Quickborn zur Verteidigung eingerichtet. Auf Geheiß des französischen Kommissars Chevalier de Monnay wurde unter Aufsicht des Canton Maire von Quickborn, Eugens Wieler, ein großer Graben um die Kirche gezogen und 555 Wagen Holz zur Verschanzung angefahren. Das Gestühl mußte aus der Kirche entfernt werden. In der- Nacht vom 23. zum 24. August ging Oberstleutnant Beaulieu mit 300 Hannoveranern und Lübecker Hanseaten, denen zwei leichte Geschütze beigegeben waren; unbemerkt über die Elbe. Die französischen Posten bei Kaltenhof und Damnatz wurden nach kurzem Feuergefecht auf Quickborn zurückgetrieben, wo sie sich in der Kirche festsetzten.

Sie leisteten so lange Widerstand, bis die Geschütze in den Kampf eingriffen. Die Franzosen ergaben- sich mit 2 Offizieren und 99 Mann.

31 Mann waren zum Teil verwundet oder getötet worden. Oberstleutnant Beaulieu verlor einen Offizier und einen Mann und zog in Richtung Dannenberg weiter. Infolge der Befestigungsarbeiten und der Beschädigung der Kirche diente ein Jahr lang die große Diele des Frahmschen Hauses als gottesdienstliche Stätte. Eine 1814 von dem damaligen Kirchen-Jurat Franz Jürgen Dreyer aufgestellte Kostenrechnung über den entstandenen Schaden belief sich auf 1855 Sthlr. und 20 gg.

Das älteste noch vorhandene Haus in Quickborn, das früher als Schulgebäude diente und in dem sich heute eine Postnebenstelle befindet, wurde im Jahre 1782 erbaut. Lehrer Niebuhr, der von 1863 bis 1895 auch als Küster hier tätig war, klagte sehr über die Enge der damaligen Schulstube. So wurde 1875 ein damals noch neues Bauernhaus käuflich erworben und darin ein geräumiges Schulzimmer eingerichtet. Auch dieses Haus steht noch. Das Schulzimmer dient heute einer als Wohnung. Das gegenwärtig benutzte Schulhaus wurde 1927 eingeweiht.

Alle Brunnen ohne Wasser

Die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erbaute Bahnstrecke Dannenberg Dömitz führt auch durch Quickborner Gebiet. Als die Eisenbahnverwaltung hier einen Bahnhof einrichten wollte, lehnten die Quickborner ab. So blieb es bei einer „Blockstelle Quickbom". In dem Wärterhaus der heute still liegenden Bahnstrecke hat sich eine Flüchtlingsfamilie häuslich eingerichtet. Der Sommer des Jahres 1921 brachte andauernde afrikanische Hitze. Die Brunnen des Dorfes waren fast alle ohne Wasser. An der Elbe bei Wulfsahl lag ein "Hungerstein" wochenlang frei, auf dem die Jahreszahlen 1904 und 1911 eingemeißelt sind. Neben diesem Stein zeigte sich zeitweilig noch ein anderer tiefer gelegener, der wohl kaum zuvor das Licht der Sonne geschaut hatte. Eine Einmeißelung der Jahreszahl ist leider unterblieben.

Der Bau des Denkmals zu Ehren der im ersten Weltkrieg gefallenen Quickborner an der Nordseite der Kirche fiel in die unselige Zeit der Inflation. Kostete die Granitplatte mit Inschrift im Jahre 1922 „nur" 11 294,50 M, so mußten für die  Fertigstellung später Milliarden und Billionen ausgegeben werden. Der große Felsblock des Denkmales, der 47 Ztr. wiegt, wurde von der Eisenbahnverwaltung kostenlos zur Verfügung gestellt und vom hiesigen Sportverein auf Eisenbahnloren von Leitstade nach Dannenberg geholt.

In den Jahren 1934/36 wurde eine neue Verbindungsstraße Dannenberg - Dömitz mit einer Brücke über die Elbe erbaut, die den Quickbornern einen bequemen Besuch der Stadt Dömitz ermöglichte. Aber, auch diese Straße liegt heute, still, da die Straßenbrücke ebenso wie die Eisenbahnbrücke über die Elbe am Ende des zweiten Weltkrieges gesprengt wurden.

Hamburger kamen zur Erholung

Im Vergleich zu vielen anderen Orten ist Quickborn verhältnismäßig glimpflich durch letzten Krieg gekommen; zumindest hatte das Dorf nur wenig Kriegsschaden aufzuweisen. Doch haben auch in diesem Krieg wieder viele Quickborner ein stilles Grab in fremder Erde gefunden, und die Sorge um Vermißte ist noch nicht aus allen Häusern gewichen. Deutschen Soldaten und Zivilisten, die in den letzten Kriegstagen in der Nähe Quickborns ihr Leben ließen, wurde auf den hiesigen Friedhof eine würdige Ruhestatte bereitet. Nach einer kurzen Unterbrechung - das Dorf mußte auf Veranlassung der Amerikaner' geräumt werden – haben die Quickborner ihre Arbeit wieder mutig aufgenommen. Viele bauliche Erneuerungen und die Anschaffung moderner landwirtschaftlicher Maschinen sind die sichtbaren Zeugen ihres Fleißes. Quickborn zählt zur Zeit rund 570 Einwohner, darunter etwa 230 Flüchtlinge.

Zur Gemeinde gehören noch der Ort Sipnitz, das Forsthaus Seybruch und das Hirtenhaus Wulfsahl. Neben der örtlichen Verwaltung besitzt Quickborn ein Standesamt für die drei Kirchspiele Damnatz, Quickborn und Langendort. Eine hier ansässige Hebamme betreut den gleichen Bezirk. Mit dem Bereich des Kirchspieles Quickborn deckt sich das Amt des Schiedsmannes und die Schwesternstation, die ebenfalls beide ihren Sitz in Quickborn haben. So ist das Dorf Mittelpunkt für einen größeren Kreis ländlicher Gemeinden.

Die Beschreibung Quickborns wäre unvollständig, würde man nicht den herrlichen Wald erwähnen, der sich in unmittelbarer Nähe des Dorfes befindet. Vor dem Kriege, als die Wohnraumfrage nicht so brennend war, haben hier viele Hamburger Familien während der Ferienzeit Erholung gefunden. Das edle Weidwerk wurde von jeher in Quickborn gepflegt. Davon zeugen die stattlichen Sammlungen der Jagdtrophäen in vielen Häusern.